Die Würde des Menschen - Zwischen juristischen Betrachtungen und alltäglichen Möglichkeiten


Dienstag, den 12. Mai 2015

Im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit wird dieses individuelle Grundrecht zum Wichtigsten überhaupt. Und obwohl es so im Gesetzestext geschrieben steht, gibt es sicherlich mehrere Kilometer Buchrücken an juristischen Texten und Kommentaren zu diesem Thema. Denn so einfach scheint es nicht zu sein, mit der Würde des Menschen.

Im Rahmen der Messe Leben und Tod fand am 9. Mai ein Workshop der FUNUS Stiftung in der VIP Lounge der Messe Bremen statt. Die Würde des Menschen ist unantastbar? – Mit dieser Frage wurde die Veranstaltung zum Umgang mit Toten in Theorie und Praxis betitelt. Der Jurist Professor Dr. Dr. Tade Spranger und die Bestatterin Silke Ahrens beleuchteten das Thema jeweils aus ihrer eigenen Sicht.

Professor Spranger, der von Hause aus Verfassungsrechtler ist, sich aber bereits seit 20 Jahren mit dem Friedhofs- und Bestattungsrecht auseinandersetzt, stieg mit einer juristischen Klärung des Begriffes Würde ein. Das Recht auf Menschenwürde ist ein individuelles Grundrecht, das vom Staat geschützt werden muss. Diese Schutzpflicht beschränkt sich nicht auf das Leben, sondern gilt auch postmortal als Schutz der Totenruhe. Das kann man beispielsweise daran erkennen, dass Spender, denen erst nach ihrem Tod Organe entnommen wurden, noch einen Wundverband angelegt bekommen.

Professor Spranger ging auf drei diskutable Themen der postmortalen Menschenwürde ein:  Die Umbettung von Urnen, den Friedhofszwang für Urnen und Ordnungsamtbestattungen. Er beschrieb anhand dieser Beispiele, wie sehr der Begriff der Menschenwürde im Bereich des Todes zu einer Auslegungssache von Gerichten gerät. Es scheint, als erfahre der Artikel 1 des Grundgesetzes eine Auslegung je nach Betroffenem: Menschen, die ihre Urnen mit nach Hause nehmen oder umbetten lassen wollen, um die Asche der Verstorbenen in ihrer Nähe zu haben, werden mit der Auslegung konfrontiert, dass die Totenruhe nur auf Friedhofsflächen gewährleistet werden kann. Gleichzeitig aber treffen Ordnungsämter in ganz Deutschland Entscheidungen, die von der Menschenwürde weit entfernt sind. In manchen Städten werden Menschen, die keine bestattungspflichtigen oder –willigen Angehörigen mehr haben, gegen ihren erklärten Willen eingeäschert und anonym im Ausland verstreut. Unter der Prämisse Geiz ist geil wird an Leichenhemden und ortsnahen Grabstätten gespart und die Frage nach der würdigen Bestattung ins Abseits gestellt. „In dem Moment, wo der Staat aktiv Menschenwürde schützen könnte, meidet er sie wie der Teufel das Weihwasser“ fasst Professor Spranger die Misere zusammen. Auf die Frage eines Herrn aus dem Publikum, wer bei klammen kommunalen Kassen denn eine bessere Bestattung finanzieren solle, meint Spranger, dass es schon Kleinigkeiten sind, die die Lage verbessern können. Es geht um die Menschenwürde - daran sollte immer gedacht werden. Und was soll man tun, um Missstände anzuzeigen? „Aus allen Rohren schießen“ rät Spranger. Jährlich gibt es zwischen 40.000 und 50.000 Ordnungsamtbestattungen und „wenn die Politik das Thema entdeckt, dann kann sich was bewegen.“ Die Menschenwürde einzufordern ist damit eine Aufgabe für uns alle.

„Die Zeit entschleunigen, sich ein Herz fassen und die Hand reichen“, das sind die Grundsätze der Arbeit von Silke Ahrens. Die Bestatterin als Kirchlinteln, einer 600 Seelen Gemeinde bei Bremen, ist ausgebildetete Trauerbegleiterin und Quereinsteigerin. Sie berät Menschen zu den letzten Fragen und betreut Angehörige beim Abschied von den Verstorbenen. Zu Beginn ihrer Überlegungen zur zentralen Frage des Workshops zieht sie ihre Jacke aus – „man muss sich frei machen“ – und legt ihre Uhr ab – „die Zeit steht still“. Die meisten Angehörigen lassen die Zeit jedoch nicht still stehen und werden weiter getrieben, vom Alltag und seinen Verpflichtungen.  „Die Würde des Menschen ist antastbar, das ist so.“ sagt Silke Ahrens. Doch sie möchte darüber sprechen, wie es werden soll und nicht darüber, wie schrecklich es mancherorts ist. Sie greift sich das große rote Plüschherz – „man muss sich ein Herz nehmen“.

Silke Ahrens lebt eine Bestattungskultur des Berührens, des Miteinanders und des offenen Umgangs mit den Möglichkeiten. Die Bestattung wird in ihrem Haus zu einem Familienritual. Sie ist davon überzeugt, dass der Tod kein klar begrenzter Punkt, keine deutlich gezogene Linie ist, sondern ein „Übergang, von dem wir alle nicht wissen, was dabei mit dem Körper passiert.“

Silke Ahrens behandelt die Verstorbenen so, wie diese zu Lebzeiten hätten behandelt werden wollen. Dies ist nur möglich, indem sie eng mit den Familien zusammen arbeitet und etwas über den verstorbenen Menschen erfährt. „Ohne Schminke geht sie nie aus dem Haus“ sagte einmal ein Ehemann, also schminkte Silke Ahrens die Verstorbene mit deren eigenem Make-Up. Der Mann sah ihr zu, erfreut darüber, dass seine Frau auch ihren letzten Weg so antrat, wie sie es gewollt hätte. Überhaupt versucht Silke Ahrens die Wünsche der Verstorbenen zu beachten und mit den Vorstellungen der Angehörigen zu einem sinnhaften Ganzen zu verbinden. Sie erzählte diese Geschichte, von dem ersten Alt-Nazi, den sie vor sich hatte. Immer hatte sie sich gesagt, dass sie einen solchen Menschen nie bestatten, ihm diese Ehre nicht gewähren wolle. Als „dieser kleine Mann“ dann aber vor ihr lag, wollte sie es doch. Er wünschte sich noch zu Lebzeiten, dass das Deutschlandlied gespielt würde. Der Kompromiss bestand dann darin, dass dieses in einem Instrumentalstück leicht mit anklang, der letzte Wille also erfüllt wurde, so, dass alle damit leben konnten. Denn am Ende geht es um eine Sinnhaftigkeit zwischen den Menschen, die da sind. Und es geht um Kultur, um eine Endlichkeitskultur, die dem Menschen seinen Status als soziales und kulturelles Wesen erhält.

Wer übernimmt am Ende die Gewähr dafür, wie mit dem verstorbenen Menschen umgegangen wird? Wer kümmert sich um ihre Würde?

Wie Professor Spranger herausstellte, ist es nicht der Staat, der die Würde der Verstorbenen garantiert. Es sind die Angehörigen, die Pflegenden, die Ärzte, die Hospizmitarbeiterinnen, die Schwestern auf der Palliativstation und es sind die Bestatter. Eine junge Frau aus dem Publikum meldet sich zu Wort und sagt: „Da unten, in den weiß gekachelten kalten Räumen der Prosektur ist die Menschenwürde gleich null.“ Verstorbene Patienten würden vom Bett auf die Edelstahlbahre gezerrt, schnell, effektiv, unwürdig.

Silke Ahrens betont, dass die Würde wenig mit dem Raum zu tun hat, in dem der Verstorbene sich befindet, sondern vor allem etwas mit den Menschen, die mit ihm umgehen. Das heißt, alle Menschen, die mit Toten in Berührung kommen, sind für deren Menschenwürde verantwortlich. Die Kultur eines Krankenhauses oder Pflegeheimes lebt nur durch die Mitarbeiter und nicht durch ein schriftlich festgehaltenes Leitbild, eine gewollte Philosophie. Darum ist es wichtig, dass die Menschen sagen, was gebraucht wird, dass sie die Möglichkeiten für einen würdigen Umgang in den Institutionen einfordern.

Silke Ahrens beendet ihre Ausführungen mit dem Satz: „Jeder von uns kann die Menschenwürde einfordern.“ Aus dem Publikum kommt die Antwort: „Ja, es ist machbar.“


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