Geld spielt eine Rolle - Bericht zum Symposium 2015


Montag, den 06. Juli 2015

Die Referenten warten auf ihren Einsatz

Referenten und Frank Pasic von der FUNUS Stiftung

Christoph Keldenich

Marc Lüthi

Matthias Meitzler

Prof. Dr. Erik Gawel

Andreas Mäsing

Prof. Dirk Lanzerath

Prof. Dr. Dr. Tade Spranger

Auditorium

Was würde sich besser anbieten, als eine Veranstaltung zur Bestattungskultur mit einem Totenkopf einzuleiten? Der diamantbesetzte Platinschädel, den Damien Hirst 2007 schuf, sollte in den einleitenden Worten von Prof. Dr. Dr. Tade Spranger ein Bildnis für die Vereinbarkeit von Geld und Tod sein. Denn darum sollte es am 17. Juni im Leipziger KUBUS gehen – um die finanziellen Fragen des Bestattungswesens. Namhafte Referenten aus Deutschland und der Schweiz brachten mit ihren Vorträgen die verschiedensten Perspektiven in ein Thema ein, das diskutiert werden muss, denn Geld spielt eine Rolle.

In Deutschland sterben jährlich ca. 860.000 Menschen. Immer mehr Dienstleister, vom Bestatter bis zum Onlinetrauerportal kämpfen um diese Sterbefälle. Das Ziel dabei ist ein unternehmerisches; es geht darum, Gewinne zu erzielen. Dennoch darf genau dieser Fakt nicht zu offensiv besprochen werden, da es um das Geldverdienen mit dem Tod geht – eine heikle Angelegenheit voller Pietätfragen. Das Geschäft mit dem Tod wird nie ganz sachlich betrachtet werden können. Immer schwingen emotionale, moralische und ethische Aspekte mit, die sorgsam beachtet werden müssen. Denn während für die einen der Tod ein tägliches Geschäft ist, ist er für die anderen die totale Katastrophe. Es ist nicht leicht, zwischen diesen Polen einen Grat zu finden, auf dem man sich bewegen kann. Die Auseinandersetzung mit verschiedensten Angeboten und Optionen des Bestattungsmarktes und die offene Diskussion verschieden motivierter Marktteilnehmer macht diese Orientierung einfacher.

Die wichtigste Frage bei einer Bestattung ist inzwischen die nach der Finanzierung geworden. Die Menschen sehen sich mit enormen Kosten konfrontiert, treffen aber selten Vorsorge für den Bestattungsfall. Christoph Keldenich von der Verbraucherinitiative Aeternitas ging umfassend auf das Thema Bestattungsvorsorge ein und beschrieb sie als eine Möglichkeit, Bestattungskultur zu gestalten. Denn der Mensch und seine Vorstellungen stehen dabei wirklich im Vordergrund.  In einem Vorsorgevertrag wird geklärt, wer für die wunschgemäße Bestattung verantwortlich ist, was gemacht werden soll und wie es finanziert wird. „Die Bestattungskultur wird da geformt. Und zwar von den Lebenden selbst“ sagt Keldenich. Und er bringt einen sehr interessanten Vergleich zu der antiken Vorsorge der Pharaonen. Diese haben ihr Grab, die Pyramiden, schon zu Lebzeiten errichten lassen. Eine Umfrage, die Aeternitas 2013 hat durchführen lassen, zeigt, dass 56 Prozent der Befragten keine Bestattungsvorsorge abgeschlossen haben. Es ist ja tatsächlich verwunderlich, dass bei diesem Thema so wenig vorgesorgt wird, während wir doch Meister im Vorsorgen sind. Wir versichern und impfen uns gegen alles Mögliche, essen gesund, um nicht krank zu werden, und gehen zur Krebsvorsorge. Nur bei der Bestattung, der Veranstaltung, die für jeden von uns garantiert ansteht, tun wir wenig. Oder wie Christoph Keldenich es sagt: „Für das Einzige, was definitiv eintritt, sollte man doch eine Vorsorge machen.“

Bestattungsvorsorge ist im Kanton Basel Stadt in der Schweiz nicht nötig. Denn dort muss man für seine Bestattung erst mal gar nichts bezahlen. Marc Lüthi, Leiter des Bestattungswesen in Basel, stellte kommunal finanziertes Modell vor, wie es in Basel und ähnlich auch in Zürich gehandhabt wird. „Basel liebt seine Toten seit jeher“ sagt Lüthi und zeigt Bilder von bunten, mit Skeletten bemalten Laternen der Fasnacht. So ist es denn auch nicht verwunderlich, wenn die Stadt dafür Sorge trägt, dass ein jeder eine schickliche Bestattung bekommt. Ein Jeder hat Anspruch auf einen schlichten Staatssarg oder eine Staatsurne und ein Reihengrab. Der Sarg und die Urne werden von einem Tuch bedeckt, die Gräber haben alle das gleiche Format. So wird sichergestellt, dass im Tode alle gleich sind. Man kann zusätzlich zum Standardservice noch Extraleistungen erwerben: So ist es möglich ein Orgelspiel, eine längere Feierzeit oder extra Grabpflege zu buchen. Damit generiert die Stadt dann Gewinne. Die Bestattungen sind mit Steuergeldern subventioniert. In der aktuellen Gesetzesrevision stellt sich Basel die Frage, inwieweit der Staat eingreifen sollte, bzw. welche Rolle der Staat im Leben der Menschen haben soll. Lüthi sieht das so: „Im entscheidenden Moment sind die Leute nicht urteilsfähig.“ Damit ist der Staat in einer Schutzpflicht seinen Bürgern gegenüber. Und die Bürger nehmen das gern an. 97 Prozent nehmen den Staatssarg. Lüthi versteht sich als „Pietät der Stadt“ und betont, dass Basel und Zürich mit diesem vorbildhaften Vorgehen, das Menschenwürde nach dem Tod garantiert, allerdings allein da stehen. Aus dem Publikum, das vor allem auch aus Bestattern bestand, kam natürlich dann die Frage, ob es in Basel überhaupt Bestatter gibt. Lüthi erklärte, dass es in der Stadt einen Bestatter gibt, der die Verstorbenen abholt und versorgt. Im Umland gibt es ca. 50 Bestatter. Auch diese Leistungen sind für den Einwohner des Kantons Basel Stadt kostenfrei. Die Kommune betreibt also auch für die Toten eine Daseinsfürsorge und macht sie somit zu einem Teil des Lebens.

„Der Tod ist ein Problem der Lebenden“ sagte der Soziologe Norbert Elias einmal. Er setzte sich als einer der wenigen mit dem Tod aus soziologischer Sicht auseinander. Matthias Meitzler, Soziologe an der Universität Duisburg-Essen, hat sich ebenfalls diesem Thema verschrieben. Er sprach beim Symposium der FUNUS Stiftung darüber, wie der Tod zu einem ökonomischen Thema werden konnte. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit den Akteuren, die mit und am Tod arbeiten und betreibt Feldforschung auf Friedhöfen. Meitzler ist überzeugt: „Der Friedhof ist ein Speicher individueller und kollektiver Erinnerung. Er ist ein Kulturarchiv.“ Die Veränderungen, die auf den Friedhöfen zu sehen sind, zum Beispiel die Zunahme von anonymen Rasenbestattungen, sind laut Meitzler dem Wandel der Gesellschaft geschuldet. Seit die Bestattung keine starre Vorgabe mehr ist, die durch Kirche und Kultur bestimmt wurde, wachsen die individuellen Möglichkeiten. Die damit einhergehende Entstandardisierung führt zu eine Steigerung der Entscheidungsmöglichkeiten und – pflichten. Dabei fehle es aber an Orientierungsmöglichkeiten, und mit der Steigerung der Auswahl steigt auch die Option, sich falsch zu entscheiden. Das Problem liegt dann darin, dass die Angehörigen meist schlecht informiert sind, wenn es darum geht, Entscheidungen treffen zu müssen. Sie befinden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation und bedürfen guter Beratung. Meitzler spricht hier an, was Keldenich auch schon sagte – es fehlt an Vorsorge  bzw. an grundsätzlichen Vorüberlegungen zur Bestattung. Merkwürdig, denn „Bestattungen sind mit die teuersten Einzelinvestitionen im Leben“ so Meitzler. Der Soziologe konstatiert, dass die Gräber kleiner werden und auch die Pflege eines Grabes immer mehr zur lästigen Pflicht wird. Außerdem verweist die steigende Nachfrage nach günstigen Bestattungsangeboten auf die Präkarisierung der Menschen. Wer zum Leben kaum genug Geld hat, dem fehlt es auch bei der Bestattung. Damit ist für Meitzler klar, dass die Bestattungskultur nicht verfällt, sondern sich in Angesicht  gesellschaftlicher Tatsachen wandelt. Die Veränderungen auf dem Friedhof sind „das lebendige Wirken einer veränderlichen Kultur.“

Während Matthias Meitzler auf die soziologischen Umstände einging, die die Bestattungskultur verändern, widmet sich der Ökonom Prof. Dr. Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung der Frage, welche Auswirklungen die Kalkulation von Gebühren haben. Die Berechnung von Friedhofsgebühren unterliegt einigen Herausforderungen, die beachtet werden müssen. Es gibt eine Vielzahl von Gebührentatbeständen, Sonderprobleme wie die Themen öffentliches Grün und Freiflächen und einen sich auswirkenden Wandel der Bestattungskultur. Des Weiteren wächst der Wettbewerb zwischen den Friedhöfen und selbst zwischen den verschiedenen Grabformen an einem Standort. Zudem besteht kein Nutzungszwang. Im Gebührenrecht ist es ausgeschlossen, dass unternehmerisch gerechnet werden kann, d.h. die Gebühren müssen z.B. für die gleiche Leistung immer gleich sein. Dennoch kann man mit Gebühren auch das „Kaufverhalten“ lenken. Prof. Dr. Gawel zeigt das sehr deutlich auf, indem er eine Tabelle präsentiert, die eine klassische Gebührenrechnung für Gräber beinhaltet. Das günstigste Grab ist dabei ein Platz im Kolumbarium mit 40 Euro auf 12 Jahre Nutzungsdauer. Das Urnenreihengrab kostet auf die gleiche Laufzeit 223 Euro. Es ist keine Frage, wofür sich die Menschen da entscheiden würden. Im Fazit heißt das, dass Bestattungskultur auch durch die Angebote des Friedhofs gestaltet wird. Und die Angebotsgestaltung ist ein wesentlicher Faktor, wenn es um die Kostendeckung der Friedhöfe geht.  Prof. Dr. Gawel konstatiert, dass die Menschen die Friedhöfe als kulturelle und geschichtliche Orte haben wollen, die Zahlungsbereitschaft aber gering ist. Wenn die Auslastung der Friedhöfe aber abnimmt und die Kosten damit noch mehr wachsen, werden weniger Beisetzungen erfolgen. Es müssen also neue Konzepte erdacht werden. Passenderweise fragt dann Hermann Hubing, warum ein Friedhof eigentlich kostendeckend arbeiten muss und nicht subventioniert werden kann, wie auch die Oper oder andere Einrichtungen der Hochkultur.

Es geht immer nur ums Geld – wenn die Menschen keines haben, dann können sie auch keines ausgeben. Andreas Mäsing von der Genossenschaft der Friedhofsgärtner in Gelsenkirchen hat andere Erfahrungen gemacht. Er hat die Tatsachen einfach umgedreht, so dass nicht mehr der Preis entscheidet, sondern Angebot und Nachfrage diesen erst bestimmen. Wie geht das, in einer vergleichsweise armen Stadt wie Gelsenkirchen? Mit Marktorientierung. Mäsing stellt eine recht simple „Gleichung“ auf, die Ursachen und Wirkung der Friedhofsprobleme sehr klar benennt: Es gibt weniger Sterbefälle und kleinere Gräber. Daraus folgt ein Flächenüberhang. Außerdem steigt die Zahl der mobilen Singles, die eine Komplettlösung für die Bestattung suchen. Und diese will Mäsing mit der Genossenschaft anbieten: Diese übernimm Freiflächen vom örtlichen Friedhof und wertet sie gärtnerisch auf. Dann vermarktet die Genossenschaft die Flächen eigenständig und garantiert eine dauerhafte Grabpflege. Und zwar nicht nur für das eigene bzw. das gepachtete Grab, sondern auch die benachbarten Stellen. Damit wird dem Verstorbenen ein ordentlicher, schöner, letzter Ort gewährt und der Angehörige hat seine Ruhe. Das kostet die Angehörigen Geld. Und laut Andreas Mäsing sind sie auch bereit, dieses auszugeben. Der Friedhof wird damit als Ort wieder aufgewertet, unterstützt durch eine bildreiche Werbekampagne der Genossenschaft, der Friedhofsgärtner wird wieder zum aktiven Gestalter. „Im Moment gibt es moderne Bedürfnisse und tradierte Rituale“ so Mäsing. Deshalb müssen nun passende Angebote gemacht werden. „Da ist was in Bewegung. Gott sei Dank. Endlich.“ zitiert Mäsing abschließend die Besucher "seiner" Friedhöfe.

Das Symposium wurde mit einem philosophischen Vortrag zur Ethik von Prof. Dr. Dirk Lanzerath beschlossen. Es ging um die grundsätzliche Frage, ob man denn mit dem Tod Geld verdienen dürfe und vor allem, wie dabei Ethik und Ökonomie zusammen zu bringen sind. Dabei ist es wichtig, ob man die Wirtschaft als Teil des Lebens oder als „entfernte Sphäre“ betrachtet. Während wir den Verkauf von Lebensmitteln als normal betrachten, wird das Geschäftemachen mit dem Tod oft immer noch als pietätlos angesehen. Prof. Dr. Lanzerath geht darauf ein, dass der Mensch Grundbedürfnisse nach Lebensmitteln hat. Diese können Nahrung, Freundschaften, Spiele und auch das Totengedenken sein. Lebensmittel müssen beschafft werden, unterliegen also einem ökonomischen Charakter. „Der Totenkult und das Bestattungswesen sind kein Luxusgut sondern ein Primärgut“ so Lanzerath. Und wenn man den Bestatter nur als Profitmacher versteht, nicht als Teil der Lebens- und Wertegemeinschaft, dann kommt es zu einem Konflikt zwischen Pietät und Penunzen. Und an dieser Stelle sind alle verantwortlich: Der Angehörige ist im Trauerfall schutzbedürftig. Aber wir alle sollten uns auch informieren und mit den Themen Tod und Bestattung auseinander setzen, wenn wir nicht in einer akuten Lage sind. Auch die Kommunen müssen schätzen, was ihnen die Friedhöfe wert sind. „Bin ich gezwungen, den Porsche zu kaufen, wenn es auch möglich ist, den Golf zu fahren?“ fragt Prof. Dr. Lanzerath abschließend und stellt damit die Frage an uns alle: Was sind wir uns wert?

Das fünfte Symposium der FUNUS Stiftung brachte erneut Menschen mit verschiedensten Erfahrungen und Intentionen zusammen. Das Ergebnis war ein spannender Tag mit neuen An- und Aussichten, die das Bestattungswesen in Deutschland weiter bringen werden. Im jährlich stattfindenden Symposium funktioniert, was die FUNUS Stiftung als Leitsatz formuliert hat. Die Gestaltung der Kultur durch die Gesellschaft ist machbar, weil Bestattungskultur eben Menschensache ist.



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