Individualität versus Anonymität
3. Symposium der Funus Stiftung beleuchtete aktuelle Tendenzen in der Bestattungskultur


Freitag, den 14. Dezember 2012

Ein rosafarbener Sarg, von Kinderhand bemalte Urnen, die Rockband zur Trauerfeier, ein Sektempfang am offenen Grab – das sind nur einige Beispiele, auch über den Tod hinaus mit individuellen Bestattungselementen in Erinnerung zu bleiben. Auf der anderen Seite münden wirtschaftliche Not, zunehmende Vereinsamung oder geografische Distanzen in  Anonymisierung. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Branche derzeit. Wo aber hört der Spaß auf? Und wo fängt der Ernst einer gesellschaftlichen Debatte an? Zum dritten Mal hat die FUNUS Stiftung in Kooperation mit dem Mitteldeutschen Feuerbestattungsverein e. V. zu einem Symposium geladen, das sich mit aktuellen Tendenzen in der Bestattungskultur auseinander setzen wollte. Eingeladen wurde in das innovative Umweltforschungszentrum nach Leipzig.

Solchen Tendenzen sollte sich das Bestattungsunternehmen nicht verschließen, rät Erasmus A. Baumeister. Der Werbe-Experte betreut mit seiner Agentur von Köln aus hunderte Kunden in Zentraleuropa und rät auch für den eigenen Auftritt, neue Wege zu bestreiten. „Die klassische schwarzumrandete Anzeige in der Tageszeitung mit dem Hinweis auf 24-stündige Erreichbarkeit sorgt kaum für Aufmerksamkeit“, meint Baumeister und macht Mut für ausgefallene Ideen der Präsentation. Freilich sollten solche Marketingaktionen auch von geeigneten Dienstleistungen begleitet werden. „Es geht aber nicht um schriller und lauter, sondern um individueller und persönlicher.“ Hier setze auch ein hoher Anspruch an die Beraterfunktion an. Dabei sollte nicht gleich jeder absurd klingende Wunsch hundertprozentig umgesetzt werden. Vielmehr sollte gemeinsam mit den Hinterbliebenen nach gangbaren Wegen gesucht werden. Baumeister schätzt ein, dass sich der Anteil der Individualbestattungen wohl bei 20 Prozent einpegeln werde, die aber dann gut die Hälfte des Branchenumsatzes ausmachten. Das würde der Wettbewerb in absehbarer Zeit auch widerspiegeln. Demnach wird nur noch jede zweite Bestattung nach traditionellen Vorbildern abgehalten. Die restlichen 30 Prozent machten die Sparten Anonym und Preiswert aus. Das schlage sich auch im erwarteten Umsatz nieder, der von Baumeister auf 20 Prozent geschätzt wird.

Der bunte Sarg ist für das Flamarium Saalkreis kein rotes Tuch, versichert Michael Kriebel. Der Geschäftsführer des Feuerbestattungsunternehmens benennt einige Fälle, in denen farbig gestaltete Särge zur Einäscherung angeliefert wurden. Rein technisch sei das kein Problem, da es sich um wasserlösliche Farben handele, ohne toxikologische Bedenklichkeit bei der Kremierung. Auch in der eigenen Abschiedshalle stände schon das eine oder andere ausgefallene Exemplar vor der Trauergesellschaft. Michael Kriebel verweist dabei auf einen busähnlichen Sarg, der von der betroffenen Familie gebaut und farbenfroh gestaltet worden war. „Wenn das Material Holz ist und entsprechende Konstruktionsvorschriften besonders beim Unterboden eingehalten werden, steht auch solchen originellen Stücken nichts im Wege.“

Stephan Hadraschek setzte sich in seinem Vortrag mit dem entgegengesetzten Phänomen auseinander: Die Entindividualisierung – anonym leben, anonym sterben, anonym bestatten. Und nicht ohne Grund setzte er an den Anfang seiner Ausführungen zwei Bildserien. Da künden auf der einen große, solitäre Grabdenkmäler von der wirtschaftlichen Potenz und der einstigen gesellschaftlichen Stellung der Verblichenen, während auf der anderen Seite uniforme Wohnblocks mit namenlosen Klingeltafeln von permanentem Mangel an Persönlichkeit künden. Einsamkeit gehöre zum Alltag, meint auch Hadraschak. Aber nicht nur in den Vorstädten mit ihren Betonwüsten, wie immer wieder Internethilferufe auf diversen Plattformen zeigten. Die Kinder sind aus dem Haus, leben 500 Kilometer entfernt, man sieht sich kaum, Grabpflege werde da schnell zum Albtraum, aber nicht nur für die Hinterbliebenen. „Nur nicht zur Last fallen, wird da schnell gedacht.“ Friedhof assoziiert Arbeitsaufwand und nicht mehr in erster Linie Erinnerungsort. So werde denn auch der Friedhofszwang bei Urnenbeisetzungen von der Mehrheit abgelehnt. Vor zehn Jahren sprach sich nur ein Drittel gegen dieses Gesetz aus. Mehr oder weniger gesetzeskonform werde die Urne bereits auf dem eigenen Kaminsims gestellt oder die Asche zu Diamanten gepresst oder auf dem Lieblingssportplatz verstreut. Verbindliche Trauerrituale lösen sich auf, sicherlich auch durch die weitere Entfernung von christlichen Glaubensbindungen.

So zieht Stephan Hadraschek auch ein wenig optimistisches Fazit. Trauer werde als „Privatangelegenheit“ betrachtet. Es gäbe darüber hinaus ein  Kommunikationsdefizit. Als Folge des vorgeschalteten „sozialen Todes“ werde der physische Tod weniger wichtig. Er finde hinter verschlossenen Türen in Krankenhäusern oder Hospizen statt. Verstorbene würden hinter den Kulissen versorgt, die Totenfürsorge werde von Dienstleistern übernommen. Nicht zu reden vom Tod als Verwaltungsakt, zu dem er bei Ordnungsamtsbestattungen immer öfter verkommt.

All das sorge für den Verlust an Primärerfahrungen. Daraus resultiere Unsicherheit beim Umgang mit verstorbenen Angehörigen oder gar Ablehnung  irgendwelcher Traueraufbereitung. Das räche sich aber oftmals. Denn die Erfahrung zeige, dass später dann Trauerorte schmerzlich vermisst werden. 

Wie sich die Friedhofsträger auf den gesellschaftlichen Wandel der Bestattungskultur einstellen können, beleuchtet Bernd Thürling. Der Verwaltungschef von sieben evangelischen Friedhöfen in Berlin sieht dabei zunächst ein wirtschaftliches Problem. Auch wenn ein Friedhof nach Ewigkeit aussehe, hinter den Kulissen gibt es eine nicht zu unterschätzende Dynamik. Nun haben sich die Friedhöfe auch mit geänderten Bestattungswünschen auseinanderzusetzen. „Das ist aber nicht einfach umzusetzen, denn die Satzungen schreiben oft die Gestaltung der Grabmäler und Anlagen sehr detailliert vor.“ Das schränke schnelles Reagieren auf den Zeitgeist erheblich ein. Das müsse aber kein Nachteil sein, denn so haben sich diese Orte auch ihren besinnlichen Charakter erhalten. Aber es gäbe eben auch Wettbewerb, zumal in Großstädten die Auswahl recht groß sei. Da könne man es sich nicht prinzipiell leisten, alle Sonderformen am Friedhofstor abprallen zu lassen. Das gelte auch für kirchliche Liegestätten. „Ein Ausweg ist ein gesondertes Areal für anonyme Baum- und Wiesenbestattungen. Damit haben wir in Berlin schon gute Erfahrungen gemacht, ohne den christlichen Charakter der traditionellen Bereiche zu beeinträchtigen.“

Zugenommen haben in den letzten zehn Jahren die islamischen Bestattungen, die nach besonderen Regeln zu vollziehen seien. So müssen Friedhöfe zum Beispiel einen Raum für die rituelle Waschung bereithalten, und es wird ohne Sarg nur im leinenen Leichentuch bestattet. Das ist in Deutschland für diese Religionsgemeinschaft mittlerweile gesetzlich geregelt.
  
Der Bestatter sei heute im Spannungsfeld zwischen Individualität und Pietät, meint Marc Wechler.  Dabei werde er mit den unterschiedlichsten Wünschen seiner Klienten konfrontiert. „Die reichen vom Eichensarg bis Kryonik“, beschreibt der Inhaber zweier Bestattungshäuser in Hildesheim seinen Alltag. Unter Kryonik wird die Technik des Einfrierens verstanden, freilich mit der Hoffnung, einmal zu späterer Zeit wiederbelebt zu werden. Rund 200 tiefgefrorene menschliche Körper hängen bereits kopfüber in Edelstahltanks, gekühlt durch flüssigen Stickstoff  in den Räumen der beiden US-Unternehmen „Alcor“ und „Cryonics Institute“. Noch gibt es das hierzulande nicht. Dafür sind Bestattungsrituale aus Osteuropa in Deutschland angekommen. Dazu gehöre das offene Aufbahren der Leiche bei Trauerfeierlichkeiten. „Das setzt freilich thanatopraktische Kenntnisse voraus.“ Die aufwendige Vorbereitung des Leichnams beschränkt sich dabei nicht nur auf kosmetische Retuschen. Sie schließt hygienische und konservierende Fürsorge ein. Es wäre durchaus denkbar, meint Wechler, dass solche offenen Aufbahrungen auch bei der einheimischen Bevölkerung auf Interesse stoßen und für eine sehr persönliche Trauerfeier genutzt werden könnten.

Nicht jeder individuelle Bestattungswunsch sei aber rechtens, verweist Priv.-Doz. Dr. Dr. Tade Matthias Spranger von der Universität Bonn nicht nur auf juristische Fußangeln, sondern auch auf im Grundgesetz verankerte Rechte. Gegenwärtig laufe die Diskussion noch immer heiß in Sachen Friedhofszwang. Während in England einer Witwe durchaus erlaubt sei, die Asche ihres verstorbenen Mannes Jagdpatronen beizumengen und damit – wie zu lesen war – 70 Rebhühner zu schießen, käme in Deutschland bei gleicher Handlung wohl der Staatsanwalt. So sei sehr viel geregelt, nicht nur in Gesetzbüchern, sondern auch in Gestaltungssatzungen, die kommunale Behörden, Vereine oder Kirchgemeinden für ihre Friedhöfe erließen. Nicht jeder akzeptiert diese vielfach engen Spielräume. Lang wäre deshalb die Liste einschlägiger gerichtlicher Entscheidungen zu Friedhofsatzungen.

Der Jurist beschäftigt sich seit Jahren mit rechtlichen Problemen rund um Tod und Bestattung und hat gerade mit Unterstützung der FUNUS Stiftung einen Leitfaden zur Ordnungsamtsbestattung herausgegeben. Damit reagiert Dr. Tade Mathias Spranger auf aktuelle Entwicklungen. Wie auch die virtuelle Welt in diesem Zusammenhang für den Bonner Hochschullehrer interessant ist. Virtuelle Friedhöfe, Kondolenzbücher per Internet oder Facebook-Eintragungen durch Bestattungsunternehmen müssten auch rechtssicher sein. Die könnten sonst auch Anzeigen wegen unlauteren Wettbewerbs nach sich ziehen.

(Autor: Theo M. Lies)


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