Wo brennt’s?
Das 4. Symposium der FUNUS Stiftung widmete sich aktuellen Fragen der Feuerbestattung


Freitag, den 11. Juli 2014

Ein voller Konferenzsaal im Leipziger KUBUS des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung gab schon mal die überzeugende Antwort auf die prinzipielle Frage, zu welchen Jahreszeiten das Thema Bestattungskultur behandelt werden sollte.

Der Wechsel vom Monat mit dem Trauerflor, wie Erich Kästner den November nannte, in den blühenden Mai war schon mal ein gutes Omen für diese Veranstaltung, die mit sechs durchaus auch provokanten Themen für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Orte für die Urne und Abschied vom Friedhofszwang

Matthäus Vogel aus Karlsruhe traf mit seiner Frage Wohin mit der Urne? den vermeintlichen Zeitgeist. Der Leiter des Friedhofs- und Bestattungsamtes der badischen Stadt lieferte mit Schrank, Speicher, Sperrmüll auch gleich einige durchaus mögliche Varianten künftiger Alternativen zur Bestattung auf dem Friedhof oder anderer zugelassener Flächen. Der erfahrene Friedhofsmann sprach von einer wachsenden Entsorgungsmentalität, die sich auch in eher kulturlosen Abschiedsorten widerspiegle. Just zum Start seines Vortrages begann im Landtag von Sachsen-Anhalt eine Diskussion über den gesetzlichen Rahmen von Bestattungen. Die Aufhebung des Friedhofszwangs wird in diesem Bundesland immer wahrscheinlicher. Auch Matthäus Vogel fragte, wie man sich auf eine Zeit ohne diese Vorschriften einrichten könne. Das träfe die Kommunen besonders, denn sie halten meist große Areale für ihre Friedhöfe vor. Flächen, die oft zu Beginn des letzten Jahrhunderts vorsorglich dafür angekauft wurden. Flächen, die nun eher zu einem Kostenfaktor geworden seien. Im Wettbewerb mit anderen Bestattungsmöglichkeiten sollten sich die Friedhöfe aber auf ihre Stärke besinnen. Das beste Argument seien dabei gepflegte Anlagen, in die man gern wiederkommen möchte, als Trauernder, als Ruhe-Suchender, aber auch als Naturfreund. Deshalb setz sich Vogel für eine kulturvolle Öffnung dieser grünen Oasen ein, eine Öffnung, die sich anderen Nutzungen nicht verschließen sollte. Spielplätze seien dabei kein Tabu für ihn. All diese Veränderungen brauchten aber eine verlässliche Öffentlichkeitsarbeit. In  Karlsruhe wurde ein Verein gegründet, ein Info-Zentrum wurde eingerichtet und zwei Mal jährlich erscheint eine Friedhofzeitung, die sich mit solchen Entwicklungen beschäftigt. Abschließend brach Matthäus Vogel noch eine Lanze für die kulturelle Bedeutung kommunaler Ruhestätten. Hier aber werde im Gegensatz zu anderen Kulturgütern wie Theater oder Museen volle Wirtschaftlichkeit gefordert. Ein Wandel der Friedhofsfunktionen kann aber nicht allein über die Gebühren finanziert werden. Die Kommune sei hier stärker gefordert. Eine Möglichkeit für höhere Einnahmen sieht er zum Beispiel im Verkauf von Ewigkeitsgräbern.

 

 

Friedhöfe als Orte für Freizeittätigkeiten

Auch Christina Stoffers aus dem nordrhein-westfälischen Petershagen griff das Zukunftsthema für Friedhöfe auf. Die Landschaftsplanerin nahm dabei besonders den Freizeitaspekt in den Fokus und ließ gar einen Fußball über die Friedhöfe rollen. In Gedanken zumindest. Doch das sollte wohl nicht das Ziel sein, schränkte sie gleich ein, denn bei allen Ideen darf der eigentliche Zweck solcher Einrichtungen nicht aus den Augen verloren werden. Aber bereits die Anlage von Grabflächen lasse viel gestalterischen Raum. Dabei bieten sich beispielsweise bestimmte Themen an: Heidegarten, Obstwiesen, Steinhügel, symbolische Schiffsrümpfe. Aber auch besonders gestaltete Gemeinschaftsgrabfelder für Sternenkinder oder Föten können als wichtige Trauerorte erlebt werden. Bis hin zu Gedenkanlagen für jene, die nicht diesem Ort beigesetzt sind, aber Angehörigen gern einen Ort der Erinnerung besuchen wollen. Das könnte auch eine Alternative zu möglichen Umbettungen seien, die in Deutschland nur mit großem Aufwand umzusetzen sind. Zur öffentlichen Nutzung von Friedhöfen führte Christina Stoffers zunächst die Barrieren auf, die die Bestattungsfelder hätten. Besonders die Umfriedungen schufen visuelle Ausgrenzungen und machten auch einen wesentlichen Unterschied zu Parkanlagen aus. Hier könnten Mauern eingerissen werden, meinte sie, und verwies auf erste Erfahrungen. Für sie sei befürchteter Vandalismus kein Argument gegen solche Öffnungen. Alles aber münde in einer abwechslungsreichen, phantasievollen Gestaltung solcher Areale. Dann sorgen angemessene Freizeitaktivitäten vom Jogging über Kinderspielplätze bis zu Picknickstellen für eine höhere Akzeptanz und überzeugten auch Stadtverwaltungen, hier mehr Geld zu investieren. Anders sähe es bei vielen Dorffriedhöfen aus. Besonders um alte Kirche fänden sich auf dem Lande oftmals  vernachlässigte Areale. Hier brächte ein wachsendes touristisches Interesse gute Gründe, sich mehr zu engagieren. Das übersteige freilich die Kraft vieler Kirchgemeinden.

Anonyme Bestattungen mit Namenstafeln gewünscht

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Historiker Norbert Fischer mit Bestattungskultur. Seine  Forschungen, Publikationen, Vorträge und Seminare zur Geschichte von Friedhof, Grabmal, Tod und Trauer weisen den Hamburger Professor als profunden Fachmann aus, der nicht das erste Mal die Symposien der FUNUS Stiftung bereichert. Diesmal widmete er sich der anonymen Bestattung, die oftmals ihre Endstation auf der grünen Wiese habe. Das sei ja kein Phänomen der globalen Welt, sondern wäre in früheren Zeiten ja eher die Normalität. In einem anonymen Armengrab landeten auch Mozart und Schiller. Die Frage nach dem Wohin der 1,7 Kilogramm Asche beschäftige aber schon immer die Menschheit. Im 20. Jahrhundert wurden ja zunächst die Grabplätze knapp auf kommunalen und kirchlichen Friedhöfen. Krematorien boten eine willkommene Möglichkeit für die Miniaturisierung von Grabstellen. Und sie boten auch die Möglichkeit für die Anonymisierung: das Verstreuen auf Wiesen, auf offener See oder in Wäldern. Fischer beobachte aber jetzt den Trend, dass das Bedürfnis wieder zunehme, zumindest mit einer Namenstafel Erinnerung zu befördern. Dem stehe aber ein anderer Trend entgegen, den die postmoderne Gesellschaft quasi einfordere, eine Mobilität bis in den Tod. So seien längst nicht mehr Bestattungsort und Erinnerungsort identisch. Zwangsläufig war das bereits nach den beiden Weltkriegen mit Kriegerdenkmälern praktiziert worden. Doch heutige Erinnerungsorte sähen anders aus. Straßenkreuze symbolisieren Verkehrsopfer, Prominenten-Gräber geraten zu Pilgerstätten und müssen auch kuriose "Grabbeilagen" ertragen. Auch die Trauerfeiern wandelten sich gegenwärtig, lösen sich althergebrachten Mustern und entwickeln andere Phänomene.

Die Frage zur Behandlung von Metallen ist sensibel

Mit einer immer wieder diskutierten Seite der Kremation beschäftigt sich das Unternehmen Pedack in Karlsruhe, für das Barbara Funke und Christian Conrad tätig sind. Es geht um metallische Rückstände in der Kremationsasche, von Zahngold bis hin zu Edelstahl-Prothesen. Was mit solchen Wertstoffen passiert, zeigten die Recyclingexperten an Hand ihres Betriebsablaufes. Pedack  kümmert sich um jene hochwertigen Metalllegierungen, wie sie vor allem für medizinische Implantate eingesetzt werden und die in Krematorien in zunehmendem Maße anfallen. Chrom, Molybdän und Kobalt sind dabei die chemischen Elemente, die in Karlsruhe durch ein anerkanntes Verfahren zurückgewonnen werden. Das Endprodukt käme wieder in den Wirtschaftskreislauf, versichern die Firmenvertreter. Darüber gäbe es dokumentierte Abläufe. In der Diskussion wurde die Entnahme solcher Edelmetalle generell hinterfragt. Immerhin würden ja einige Tonnen solcher verwertbaren Stoffe in den 86 Krematorien Deutschlands anfallen. Als Praxis stellte sich dabei heraus, dass die erzielten Einnahmen aus dieser Verwertung von den Krematorien oft für gemeinnützige Projekte gespendet würden. Dennoch scheint die Entnahme von Metallimplantaten nach dem Tod der Patienten in der Gesellschaft umstritten und erfordere schon deshalb einen transparenten und sensiblen Umgang.

Vorurteile verhindern den Neubau von Krematorien

Ebenso in der Öffentlichkeit teils heftig diskutiert sind Standorte von Krematorien. Immer wieder gibt es gegen den Neubau solcher Anlagen Widerstände, die vor allem erwartete Belastungen für die Umwelt als Argument anführen. Geruchs- und Rauchbelästigung stehen da an vorderster Front. Befürchtungen, die Udo Kaczmarek gar nicht teilt. Er kümmert sich als  Vertriebsleiter der Dr. Födisch Umweltmesstechnik AG aus Markranstädt um die umfangreichen technischen Kontrollsysteme, die eine Verbrennungsanlage per Gesetz an Bord haben muss. Analysiert werden dabei u. a. Staubanteile, Temperaturen, Zusammensetzung und Mengen der Abgase. Diese Kontrollen laufen kontinuierlich und die Ergebnisse werden direkt – ohne Manipulationsmöglichkeit für den Anlagenbetreiber – an die Aufsichtsbehörden weitergeleitet. Dieses System hätte sich bewährt, meinte Kaczmarek und erfährt immer weitere gesetzliche Verfeinerung. Darauf müssten sich die Anlagenbetreiber einrichten. So verschärfen sich im nächsten Jahr die Zulassungsvorschriften für eignungsgeprüfte Messgeräte erneut. Dann genügt nicht nur die Einzelzulassung der entsprechenden Module, dann müsse das Gesamtsystem, in der Regel der Messschrank, nach der entsprechenden DIN zugelassen sein. Allerdings gäbe es einige Jahre Bestandsschutz für bestehende Anlagen. Dennoch zeige der Alltag, dass in der öffentlichen Auseinandersetzung selten solchen Werten vertraut werde, sondern vielmehr vielerlei Vorurteile wirkten. Das führt auch zum Scheitern von Investitionsplänen für neue Anlagen, wie unlängst im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Auch hier wirken sich Defizite in der Öffentlichkeitsarbeit bei solchen sensiblen Themen aus.

Kolumbarien eröffnen neue Möglichkeiten

"Die oberirdische Sargbestattung ist schon da in Deutschland!" Mit dieser Feststellung bestätigte Prof. Dr. Dr. Tade Spranger einen Trend, der sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in asiatischen und lateinamerikanischen Schwellenländern abzeichnet. Dabei geht es um die Bestattung außerhalb tradierter Areale. Spranger sprach von vertikalen Friedhöfen und verwies auf Hochhäuser in Sao Paolo, in Mumbai, in Taipeh, aber auch in Oslo. Mit ihrer architektonischen Präsenz rückten sie aber das Thema Tod und Erinnern vom Rand wieder mitten in die Gesellschaft. Solche spektakuläre Projekte greifen ja die Idee der Kolumbarien auf, die vorrangig für Urnen ersonnen wurden. Dass nun wie in Saarbrücken auch Särge in solche Wände eingelassen werden, sei jedoch noch die Ausnahme, zeige aber auch die immer währende Suche nach Alternativen. Private Indoorfriedhöfe gehörten damit auf die Liste der Möglichkeiten. So versuchen vor allem Bestatter ihre Dienstleistungen zu erweitern und eigene Kolumbarien zu etablieren. Rein rechtlich wäre das möglich, zeigte der Jurist überzeugt und verwies auf Einfallgenehmigungen. Eine legale Tür öffneten dabei Partnerschaften mit der Öffentlichen Hand oder den Kirchen, die als Träger von Friedhöfen weiterhin fungierten, private Betreiber aber als Verwaltungshelfer einsetzen könnten.  Dadurch könnten auch historische Familienanlagen, die wie sie beispielsweise an einem Gutshaus oder Schloss stehen, wieder für weitere Bestattungen genutzt werden. Es könnten sogar neue hinzukommen. Allerdings müsste hier die Politik den Rahmen genauer definieren.

Expertenwissen im neuen Handbuch des Feuerbestattungswesens

Viele der auf dem Symposium angesprochen Themen finden sich auch wieder in dem neuen "Handbuch des Feuerbestattungswesens", das aktuell im Richard Boorberg Verlag erschienen ist. Tade Spranger gehört neben Frank Pasic (FUNUS Stiftung) und Michael Kriebel (Mitteldeutscher Feuerbestattungsverein)  zu den Herausgebern. Damit sei erstmals der Feuerbestattung eine so umfangreiche wissenschaftlich fundierte  und praxisorientierte Sammlung von Beiträgen erschienen, ist sich der Bonner Rechtswissenschaftler sicher. Er stellte zum Abschluss der Veranstaltung der FUNUS Stiftung die Edition vor. Über ein Dutzend Experten haben für dieses Buch Fachbeiträge beigesteuert. Ausgehend von historischen, kulturellen und theologischen Betrachtungen zur Feuerbestattung werden im zweiten Teil vor allem juristische Aspekte beleuchtet. Darunter auch Fragestellungen zum Umgang mit übergewichtigen Leichen, zu Anforderungen an Särge, über die Erfordernisse der zweiten Leichenschau oder immissionsrechtlichen Vorgaben. Mit unterschiedlichen Formen der Beisetzung von Totenasche beschäftigt sich ein eigenes Kapitel, wie auch dem Schutz der Verstorbenen ein umfangreicher Abschnitt in diesem Handbuch gewidmet wurde. Eine umfangreiche Gesetzessammlung vervollständigt dieses Fachbuch.   

Das vierte Symposium der FUNUS Stiftung konnte wieder einmal Fachleute aus ganz Deutschland versammeln. Die offene Diskussion aktueller Fragen der Feuerbestattungen sorgt immer wieder für einen Abgleich und neue Ansätze bei diesem sensiblen Thema.  Die Stiftung fördert und fordert diese Debatte, um das Tabu zu brechen, denn: Über den Tod sollte man sprechen, denn er betrifft uns alle.


(Autor: Theo M. Lies)


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