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Buchtipp: Konkursbuch 56 Tod

Man liest ein Vorwort, um einen Überblick über die Inhalte eines Buches zu bekommen. Manchmal sind Vorworte langweilig, manchmal will man sich überlesen und gleich einsteigen. Und manchmal sind sie ein Versprechen. Beim Konkursbuch56 Tod ist das so. Stephanie Sellier beginnt ihres mit der Geschichte ihres Fast-Todes durch Puderzucker, den sie mit einer unheimlichen Gelassenheit beschreibt. Claudia Gehrke erzählt von all den außergewöhnlichen Toden in ihrer Familie und denkt über ihren eigenen nach, unaufgeregt, humorvoll, vertrauend darauf, dass das schon alles irgendwie laufen wird, „dass etwas geschieht, sozusagen ´über einen kommt´, und der Körper weiß von selbst, was er zu tun hat“.

Obwohl die Herausgeberinnen im Vorwort wenig vom Inhalt des Buches sagen, wird klar: Diese Textsammlung ist ein Schatz. Fast siebzig Autorinnen und Künstler haben Bildmaterial, Essays, Erinnerungen, Geschichten und Sachtexte zum Tod eingereicht. Siebzig verschiedene Arten, den Tod zu sehen. Lara Maibaum, 21, schreibt über ihren täglichen Tod im Computerspiel: „Und ich habe gelernt, dass es manchmal ganz gut ist, zu sterben. Ich muss mich nicht an mein letztes bisschen Gesundheit klammern […] und krampfhaft versuchen, das Unvermeidliche hinauszuzögern. […] Ich sage mich, es war ein guter Versuch, und ich habe mein Bestes gegeben.“ Solche Sätze in Anbetracht der aktuellen Corona-Lage lassen die Frage aufkommen, wie es sich zu leben lohnt, wenn man keinen nächsten Versuch hat. Die Autorin beschreibt dann auch ihr ganz persönliches Verhältnis zum Tod, ihre Sicht auf die letzten Dinge und unseren Umgang damit. Ihr Text ist so herzlich unverfroren, wie vom Eis des Tabus befreit. Direkt in die Mitte der Fragen. „Er erscheint mir als lautes Fuck You gegenüber all den Prinzipien, die einem das Leben miesmachen wollen.“ Außenansichten einer jungen Frau.

Und dann Innenansichten eines Sterbenden in Ich höre, also bin ich von Matthias Rische. Die Erzählung über einen Sohn, „Er wurde am Leben gehalten“, der nur noch mit Maschinen lebt, der gehen will und von seiner Mutter gehalten wird. „Sie hätten ihn doch einfach sterben lassen können. Entsorgen – wie jeden anderen unbrauchbaren Klumpen.“ Doch dann bäumt er sich auf, spürt das warme Leben und den Mut und die Lust, weiter zu sein. Weil er einfach so schön ist, der „Übergang vom Sein zum Abhandensein“. In dieser kurzen Erzählung durchlebt man das Sterben mit dessen Körper man sich beim Lesen legt. Besäßen diese Bilder mehr Macht, würde die Angst vor dem Tod schwinden. Und allein aus diesem Grund lohnt es sich, das Konkursbuch 56 Tod zu lesen.

Claudia Gehrke & Stephanie Sellier (Hg.): Konkursbuch 56 Tod. konkursbuch Verlag 2020, 16,80 Euro

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