Angst und Abwehr | Till Ansgar Baumhauer

Meine carte noire bündelt in einigen Objekten meine langjährige künstlerische Arbeit zu Gewalt, Angst, Krieg und Kunst. Jeder der Gegenstände wirft ein Schlaglicht auf einen besonderen Bereich meiner Arbeit. Gemeinsam ergeben sie eine Gesamtkonstellation, in der es darum geht, sich zu erinnern - oder aus Angst und Abwehr die Erinnerung vor sich und anderen verborgen zu halten oder in etwas Handhabbares zu transformieren.
 
Was sehen wir, und was meinen wir zu sehen?
Einmal, linker Hand, ein schwarzweißes Porträtfoto, ein Mann in Uniform, das Foto zerrissen und wieder geflickt. Es hat Geschichte, dieses Foto, und die Uniform suggeriert, dass diese Geschichte dunkel sein könne... Tatsächlich ist es ein persönliches Familienfoto aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Und nachdem ich in über zwanzig Jahre lang zuerst in meiner eigenen Kunst und in dann auch meiner künstlerischen Promotion über Krieg, Gewalt und Erinnerung gearbeitet hatte, begriff ich, dass in dieser Gestalt, einem Onkel, den ich nie kennengelernt habe, der Schlüssel für einen Großteil meiner künstlerischen Praxis liegt.
 
Dann fällt der Blick rechts hinten auf eine Messingvase mit floralem Dekor und kannelliertem Fuß. Doch diese Vase ist nicht einfach ein dekoratives Objekt: sie besteht aus einer Granatenhülse, die im oder nach dem Ersten Weltkrieg in Südtirol zu Kunsthandwerk recycelt wurde - man sagte mir, diese Vasen seien nach 1918 von allem für die Altäre der Dorfkirchen gemacht worden. Verarbeiten von Kriegsschrott als Sühne, als Bewältigung von Angst und Trauma? Solche "Trench Art" findet sich weltweit, vom ersten Weltkrieg bis nach Vietnam und Afghanistan und sicher auch heute in Krisengebieten.
 
Und, apropos Afghanistan: Die Silikonarmbänder in der Mitte des Bildes fielen mir im Rahmen einer Recherche zur Kriegsrhetorik und zu Militäremblemen der ISAF-Truppen im Afghanistaneinsatz (bis diesen Sommer) in die Hände. Wo die Grenze zwischen Kriegsaccessoires, die wirklich getragen wurden, und solchen, die im Netz als Pfennigartikel zum Afghanistankonflikt verramscht wurden, liegt, kann auch ich nicht einschätzen. Aber durch alles zieht sich eine agressive Rhetorik.
 
IF I TELL YOU, I HAVE TO KILL YOU.
 
Darin bündelt sich alles: die Angst vor der eigenen Schuld und deren Sichtbarwerden, der aggressive gewalttätige Drohgestus, aber eben auch die Furcht des Bedrohten davor, die falschen Fragen zu stellen. Genau die Fragen, die vermutlich jeden von uns dort geformt haben, wo die Erinnerung an Leid und Elend weggedrückt wurde, um erträglich zu werden. Und weiterzuwirken. Als Angst.

 

Till Ansgar Baumhauer

 
Till Ansgar Baumhauer, geboren 1972 in Kirchheim unter Teck, studierte Malerei, Grafik und übergreifendes künstlerisches Arbeiten an der UdK Berlin und der HfBK Dresden. Zwischen 2009 und 2011 arbeitete er als archäologischer Zeichner in Herat (Afghanistan), Zeitgleich verfolgte er eine künstlerische Promotion zu Langzeitkriegserfahrung und deren Transformation an der Bauhaus-Universität Weimar, die er 2015 abschloss.
Nach einem Postdoc-Stipendium mit Recherechereisen nach Südamerika und Pakistan hielt er sich zu Recherchen und Kunstprojekten zeitweilig in Vietnam auf.
Seit 2021 leitet Till Ansgar Baumhauer ein internationales EU-Projekt zu Kunst und Forschung an der HfBK Dresden; zugleich ist er weiterhin international als Künstler, Kurator und Autor aktiv.
 
 
 
 
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