FUNUS Stiftung

Der Ausdruck menschlichen Seins | Kathrin Henschler

Interview


Woher kommt das Leid in Deinen Figuren?

„Ist es nicht so, dass man etwas so wirklichkeitsnah wie möglich haben möchte und doch gleichzeitig ebenso tiefgründig suggestiv oder tiefer liegende Empfindungsschichten enthüllend, anstatt einer bloßen Widergabe des Gegenstandes, den man sich vorgenommen hatte. Geht es bei der Kunst nicht vor allem darum?“ (Francis Bacon)

Der Versuch, die Wirklichkeit festzuhalten, muss schließlich an der Erkenntnis scheitern, dass ein Bild nicht der Wirklichkeit gleichkommen kann. Es kann jedoch eine neue Dimension erhalten oder eine andere sich aufdrängende Wirklichkeit. Ich suche in jedem Bild nach einem Konzentrat, um es zurück zu bringen auf eine komprimierte Aufzeichnung seiner Erscheinung.  Ich bin auf dem Weg, auf der Suche nach Bildern, dem Ausdruck menschlichen Seins. Die Darstellung des Menschlichen bildet hierbei immer den Ausgangspunkt meiner Bilder und gleicht einem Gerüst, an dem ich des Menschen ureigene Gefühle, dessen problematische Existenz  und Verletzlichkeit aufzuarbeiten suche und Fragen stelle, die sich letzten Endes alle kreisend bewegen um die Urthemen: Liebe-Hass und Glaube-Hoffnung, Schuld- Unschuld, Leben- Tod, Zweifel und Magie. Der so entstehende innere und äußere Kampf taucht unentwegt in meinen Arbeiten auf.
 

Wer beeinflusst Dein Denken über die Welt?

Maßgeblich beeinflusst hat mich das Aufwachsen in einem Land umgeben von einer geschlossenen Grenze. Meinem völligen Unverständnis und Ablehnung dieser Tatsache gegenüber habe ich suchend nach einer Möglichkeit der bewussten Wahrnehmung  von Zwischenzuständen bis hin zur Auflösung der gewohnten Grenzen begonnen,  jene durch die Zusammenführung von Bild- und Vorstellungswelten zu empfinden.

Auch deshalb gilt heute für mich vielmehr der Versuch meine Bilder explizit als Studien von Grenzüberschreitungen anzulegen. Dabei fokussiere ich inhaltliche Grenzüberschreitungen zwischen unterschiedlichen Zeiten und Räumen; zwischen menschlicher Gestalt und Phantastischem; zwischen Weltvorstellungen und Vorstellungswelten; zwischen Figuration und Abstraktion. Im Rückblick auf die entstandenen Bilder zeigen sich für mich in der Farbwelt meiner Bilder klar Zwischenzustände. Denn für mich spielt die Farbe eine wichtige Rolle. Sie ist meistens gebrochen, vom Licht aufgelöst oder fast gänzlich vom Schwarz und Braun schattiert, verdrängt. In diesen Schwarzbereichen der Bildräume bleibt oft unklar, ob Farbe und Form vom Dunkel aufgesogen werden oder sich allmählich herausbilden. Ich stelle ich in jenem Schwarz ein Vorüber,  ein Noch-Nicht, ein Bald fest.
 

Warum arbeitest du mit Teer?

Für einige Bildthemen nutze ich Teer als Malmaterial, da die formale Umsetzung meiner Ansicht nach maßgeblich den Inhalt trägt. Teer erhitzen bedeutet, der Teer arbeitet gegen mich. Gegen den Verstand. Gegen jeden Versuch der Korrektur, des Schönens,  gegen das sich heimisch Einrichten in der Arbeit. Gegen das Ausschweifen, den Drang als Künstler ein feiner Zeichner zu sein. Ich muss zügig arbeiten. Der Teer läuft in unvorhersehbare Bereiche. Trocknet rasch. Die Luft wird dünner. Das Glas knirscht. Teer und Glas zwingen mich zur Konzentration, fordern meine Sinne heraus.

Teer, Erdöl ist ein Material der Straße. Ein Material unserer Zeit. Zunächst entsteht eine spröde unansehnliche Landschaft aus zähem Teer. Sobald ich jedoch die Glasplatte aufrichte und umdrehe, erscheint die glänzende Oberfläche in tiefem Schwarz und erinnert an Monitore, Fernsehapparate. Dann spiegelt sich der Betrachter in den geschwärzten Flächen - in den Figuren und Bildwelten - und  ist Teil des Bildes. Auch ich spiegle mich in ihnen. Für mich ist klar, dass man sich einer Sache auch körperlich aussetzen muss. um zu spüren, um sinnlich zu erfahren.

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